Engel sind ja so schön niedlich. Runde Formen, freundliche Gesichter, beschützende Gesten: ganze Heerscharen von Engeln werden gekauft und verschenkt, immer mit dem Wunsch verbunden, sie mögen ihren Besitzer beschützen vor dem, was ihm an Argem zustoßen kann. Engel verschenkt niemand einfach so, sondern verbunden mit guten Wünschen und Absichten. Sie sind, wie ein Talisman, Projektionsfläche für alles Gute, das man einem anderen mitgeben möchte. Aber sind Engel dafür wirklich geeignet? Sind sie nicht – jenseits aller Vereinnahmung als Talisman – Wesen, die mit Gott in Verbindung stehen, die seine Aufträge erfüllen und in besonderen Situationen Aufträge an Menschen ausrichten? In der Bibel kommen oft Engel vor, an Wendepunkten der Geschichte und ermöglichen mit ihrer Nachricht dem Empfänger eine neue Sichtweise. Waren es nun im Alten Testament Hagar, Abraham oder Bileam, im Neuen Testament Maria und die Hirten auf dem Feld in der Weihnachtsgeschichte, sie alle hatten Engelserscheinungen die ihnen ihr Leben neu deuteten und ihnen den Weg wiesen, den Gott für sie vorgesehen hatte.
Engel sind nur auf den ersten Blick handlich und niedlich. Sie sind vor allem Wegweiser Gottes für uns Menschen. Es erscheint mir fast gefährlich, sie als Garanten für eine sichere Zukunft zu vereinnahmen. Der Versuch, auf die Zukunft solchen Einfluss zu nehmen, kann nicht gelingen. Vor allem aber drückt sich in diesem Umgang mit Engeln eine wachsende Distanz der Menschen von Gott selbst aus: als müsse nicht er sich um den Schutz und Segen kümmern, als wäre er soweit von uns Menschen entfernt, dass man lieber Engel bittet zu helfen als den Allmächtigen selbst. Darin liegt die eigentliche Gefahr des Engelbooms: nicht mehr von Gott alles Gute zu erwarten, sondern von himmlischen Wesen, die uns scheinbar näher stehen als Gott selbst. Ein Trugschluß: niemals kann Gott uns näher sein als irgendetwas sonst, denn er selbst ist einer von uns geworden.