Pfingstpredigt 2009: Geburtstagsgrüße an die Kirche

1. Juli 2009 von Geeske Leave a reply »

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Der Predigttext steht bei Johannes im 14. Kapitel:
„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Liebe Gemeinde,
wir feiern an Pfingsten den Geburtstag der Kirche: die Apostelgeschichte berichtet davon, wie der Geist auf die Gemeinde in Jerusalem herabkam und die Jünger anfingen, in verschiedenen Sprachen von den großen Taten Gottes zu reden.
Der Predigttext greift ein wenig weiter in der Geschichte zurück: Es ist Jesus, der hier zu seinen Jüngern über seinen Abschied von dieser Welt spricht. Er macht ihnen Mut, weiterzutragen, was sie von ihm gelernt und mit ihm erfahren haben. Er erinnert sie daran, dass sie ihn lieben und deshalb sich an seine Worte halten sollen.
Jesus kündigt es in seiner Abschiedsrede an: auch ohne ihn ist die Gemeinde nicht allein, nicht ohne Gott. Nachdem Jesus aufgefahren ist in den Himmel, sendet Gott den Geist herab, damit er sie tröste und erinnern soll an Jesu Worte. Das Wichtigste ist das Gebot der Nächstenliebe, das er seinen Jüngern und damit auch uns aufgetragen hat.
Auch bei uns ist Gottes Geist und erinnert uns an Jesu Worte. Jeder und jede von uns ist aufgerufen, Jesu Worte zu halten. Wir kennen das Gebot der Nächstenliebe. Und doch gelingt es uns nicht immer, uns daran zu halten. Zu oft gehen wir faule Kompromisse ein, beugen uns vermeintlichen Sachzwängen, sagen uns: es geht eben nicht anders, man kann doch nicht oder anderes mehr. Wir geben das Richtige auf, weil es schwierig zu leben ist, weil es manchmal gegen Widerstände durchgesetzt werden muss. Die Sachzwänge engen uns ein, zwingen uns etwas zu tun von dem wissen, dass es falsch ist. Denn in unserem Inneren ist dieses Wissen um richtig und falsch von Gott angelegt. Wenn wir nicht darauf hören, nicht in unser Inneres hineinhören, gehen wir in die Irre. Dann halten wir Jesu Worte nicht, obwohl wir sie kennen.
Gott hat uns die Kraft geschenkt, das Richtige zu erkennen und es auch zu tun. Der Geist gibt uns auch die Kraft, uns von den Zwängen zu befreien und stattdessen die Sache selbst zu ändern. Das erfordert Mut und Stärke. Es ist eine Entscheidung, das Richtige zu tun. Sie fällt uns leichter, wenn es sich um Angelegenheiten im Alltag handelt. Doch wenn die Umstände dramatisch sind, wenn weit reichende Konsequenzen zu bedenken sind, dann fällt es schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Heute, an Pfingsten, erinnern wir uns auch an eine Zeit, in der das Falsche „normal“ war und Repressionen und sogar Mord als gerechtfertigt galten, als das schiere Unrecht regierte: 1934, die Anfangszeit des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. In dieser Zeit, vor genau 75 Jahren wurde in Barmen, einem Stadtteil von Wuppertal von der Bekennenden Kirche die Theologische Erklärung verabschiedet. Die Bekennende Kirche hat sich damit gegen das nationalsozialistische Regime gestellt und auch gegen den Großteil der evangelischen Kirche, die sich als Deutsche Christen dem Nationalsozialismus angeschlossen hatten. In der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime hat die Bekennende Kirche in Barmen in 6 Thesen niedergeschrieben, was Kirche ist – und was nicht. Die Verfasser und Unterzeichner der Theologischen Erklärung von Barmen haben mutige Worte gefunden, um ihren Einspruch gegen das nationalsozialistische Regime laut zu machen. „Die christliche Kirche ist die Gemeinschaft von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte. Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen oder politischen Überzeugungen überlassen.“ (Barmen These 3). Die Barmer Theologische Erklärung widersteht den faulen Kompromissen und vermeintlichen Sachzwängen ihrer Zeit auf eindrückliche Art und Weise. Sie macht deutlich: Kirche darf sich nicht vom Staat vereinnahmen lassen. Kirche erhält ihre Gestalt nicht durch den nationalsozialistischen Staat. Sie gründet allein im Wort Gottes, das Jesus Christus ist. Sie ist allein Gottes Eigentum. Ihr Auftrag von Gott lautet, das Wort Christi von der befreienden Gnade Gottes zu verkündigen. Es kann keinen Bereich des Lebens geben, in der wir nicht unter der Gnade Gottes stehen. Der kirchliche Auftrag, dies zu verkünden, endet nicht an der Kirchentür, sondern fängt da erst richtig an. Ob Wirtschaft oder Politik, Schule oder das Zusammenleben im Ort, überall gilt es, Jesus Wort zu halten und seinen Willen zu tun. Denn Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, wie es in der ersten These von Barmen heißt: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Für uns heute sind diese Worte immer noch richtig und wahr und wir bewundern die Männer, die den Mut hatten, sie aufzuschreiben, zu publizieren und die dafür mit ihrem ganzen Leben eingestanden haben.
Die Bekennende Kirche hatte sich mit der Theologischen Erklärung offen als Gegner des nationalsozialistischen Regimes bekannt. Viele Pfarrer der Bekennenden Kirche sind verfolgt worden, kamen ins KZ wie Martin Niemöller oder wurden hingerichtet wie Dietrich Bonhoeffer. Sie haben sich nicht rausgehalten, waren nicht ruhig oder unauffällig, sondern haben laut und öffentlich ihren Glauben bekannt und die Gegner des Glaubens bekämpft. Der Friede Christi, den er uns verheißen hat, kommt nicht vom Stillhalten, sondern wenn man das Richtige tut. Die Pfarrer der Bekennenden Kirche, die die Barmer Theologische Erklärung verfasst und unterzeichnet haben, waren vom Geist des Friedens, der Wahrheit und der Freiheit getragen, der sich nicht mit faulen Kompromissen zufrieden gibt, sondern immer wieder das eine Wort Gottes, Jesus Christus, bekennt und danach handelt. Der Geist gibt uns den Mut und die Kraft, das Richtige zu tun, selbst gegen die schlimmsten Widerstände!
Wenn wir uns von diesem Geist tragen lassen, gibt es keine Hürden mehr und auch keine Entschuldigung, das Richtige nicht zu tun. Gottes Liebe zu uns Menschen ist unendlich, und sie hat die Kraft auch die größten Mauern zu überwinden. Wir haben diesen heiligen Geist, den Jesus uns verheißen hat. An Pfingsten wird er auch auf uns ausgegossen. Hören wir auf, Ausreden zu erfinden, ängstlich und feige zu sein und uns zu verstecken hinter vermeintlichen Sachzwängen, nur weil es unbequem ist, das Richtige zu tun. Gottes Kraft steckt in uns, das Richtige nicht nur zu erkennen, sondern auch zu tun. Im Übrigen wird er uns am Jüngsten Tag fragen: Hast Du mein Wort gehalten? Hast Du Dich für deinen Nächsten eingesetzt und das Stückchen Welt, das dir anvertraut ist, zu einem besseren Ort gemacht? Vor ihm sind alle Dinge offenbar, auch unser Leben und unsere Herzen. Vor ihm haben wir uns zu verantworten. Jesus Christus hat die Last des Gerichtes bereits für uns getragen. Und wir haben als Fürsprecher den Geist auf unserer Seite, der in uns wirkt und uns die Kraft zum Guten schenkt. So und nur so können wir bestehen am Jüngsten Tag.
Liebe und Jesu Worte gehören zusammen. Wer Jesus liebt, der hält sein Wort. Und er hält das Wort, indem er seinen Nächsten liebt und nichts anderes über diese Liebe stellt. Daraus erwächst der Friede Christi.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

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