Ein nettes kleines Büchlein, was Christian Grethlein mit seinem neuen Band „Pfarrer – ein theologischer Beruf!“ (Frankfurt am Main, 2009) zusammengestellt hat, und das Ausrufezeichen hinter dem Titel deutet schon an, dass sein Anliegen ein eindeutiges ist und zu etwas aufruft. Das Pfarramt braucht mehr Wissenschaft, der Pfarrer und die Pfarrerin mehr theologische Rückbindung in seinem bzw. ihrem Alltagsgeschäft.
Grethleins Ausgangspunkt ist hingegen weniger die von Pfarrerinnen und Pfarrern oft als tiefer Graben empfundene Differenz von akademischer Theologie und pfarramtlichen Alltag (auch wenn dieser Punkt ihm ständig präsent ist und an verschiedenen Stellen immer wieder genannt wird), sondern die Reformprozesse in Kirche und an Universitäten, die beide noch weiter auseinanderdriften lassen. Im ersten Kapitel ist der Titel des Buches noch mit einem Fragezeichen versehen: „Pfarrer – ein theologischer Beruf?“. Grethlein stellt fest, dass weder das Theologiestudium nur auf den Pfarrberuf vorbereitet, noch die für das Pfarramt nötigen Qualifikationen nur aus dem Theologiestudium bezogen werden. An den Übergängen scheint es Brüche und Risse zu geben, die durch die Reformprozesse an Universitäten (Stichwort Bologna-Prozess, also die Einordnung auch des Theologiestudiums in die Bachelor- und Master-Struktur) und Kirchen (vor allem aufgrund finanzieller Schwierigkeiten) noch verstärkt werden. Grethlein geht in den folgenden Kapiteln schrittweise die Baustellen des komplexen Themas durch:
Zuerst wendet er sich den Universitäten zu. Das Studium der Evangelischen Theologie ist, so seine Diagnose, zunehmend marginalisiert worden (31ff.). Die Theologie entwickelt sich zu einem kleinen Fach an den Universitäten und kann ihre Eigenständigkeit nicht mehr überall halten. Inhaltlich ist das Studium weitgehend historisch ausgelegt und in seinen Bereichen stark differenziert. „Gemeinsam mit dem historischen Zugang impliziert die empirische Arbeitsweise – in der Regel – eine methodisch begründete Distanz zum Gegenstand. (…) Darüber tritt das Interesse an einer kirchlichen Praxis fördernden Theorie zurück.“ (40). Sprich: der Praxisbezug der akademischen Theologie in ihrer Zielsetzung als berufsvorbereitende Ausbildung ist unzureichend, die historische Ausrichtung des Studiums veraltet und verstärkt die Distanz. Der eigentliche Sinn der Theologie, nämlich die Kommunikation des Evangeliums zu fördern (so die Reformatoren), sei zu wenig umgesetzt worden (55).
Das dritte Kapitel widmet sich den Kirchen. Auch ihre gesellschaftliche Bedeutung ist deutlich gesunken, ihre Regeln werden immer seltener akzeptiert. Das Interesse an Religion und Spiritualität kann offenbar nicht mehr von den Kirchen aufgefangen werden, sondern wird außerhalb der Kirchen befriedigt. Es finden Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse statt, die das pfarramtliche Handeln stark beeinflussen. Grethlein nennt als Beispiel die Zunahme der Kasualien, die dem geänderten Lebensrhythmus der Menschen Rechnung tragen sollen (67). Die Person des Pfarrers bzw. der Pfarrerin wird immer mehr abgekoppelt von der Flächeninstitution Kirche: „Nicht mehr die Kirche, sondern der Pfarrer als Personen bürgen für die Wahrheit des Evangeliums.“ Das hieraus resultierende Konfliktpotential wird aber nicht theologisch reflektiert, so Grethlein. Was ein Pfarrer, eine Pfarrerin eigentlich können soll, bleibt auch im EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ (2006) unklar – und eine theologische Kompetenz zählt offenbar ohnehin nicht dazu (76 – 82). Grethlein sieht die Aufgabe der Theologie vor allem in der Integration und Reflexion der „Vermittlungsaufgabe“ im Pfarramt und in der Überwindung der „Trennung von Fachwissenschaft und –didaktik“ (82).
Nach dieser doch eher theoretischen Herleitung (ja, auch Grethlein selbst erliegt der üblichen theologischen Vorgehensweise, zuerst nach den historischen Wurzeln zu fragen) kommt im vierten Kapitel dann die „Berufsidentität“ des Pfarrers, der Pfarrerin in den Blick. Hat der Pfarrberuf insgesamt ein hohes gesellschaftliches Ansehen, so sind die Rahmenbedingungen, auch die finanziellen, deutlich erschwert worden. Die bisherige Praxis der Alimentierung der Pfarrer ist durch Teilzeit-Arbeitsverhältnisse (wie in vielen anderen Berufen auch, arbeiten vor allem Frauen Teilzeit) und die Einführung der Ordination ins Ehrenamt aufgeweicht worden. Die dennoch geforderte umfassende theologische Ausbildung macht den Beruf nicht attraktiver. Pfarrer und Pfarrerinnen bemängeln selbst im Nachhinein in ihrer Ausbildung ein Praxisdefizit und ein Defizit in Bezug auf ihre eigene geistliche Entwicklung (92). Bisher nicht ausreichend reflektiert sieht Grethlein die Differenzierung in Gemeindepfarramt und Funktionspfarramt sowie die zunehmende Feminisierung des Pfarramtes, welche vermuten lässt, dass sich der Anteil an Teilzeitstellen erhöht und gleichzeitig das traditionelle Bild des Pfarrhauses sich grundlegend wandeln wird (100). Schade, dass Grethlein an dieser Stelle nicht noch einen Schritt weiter geht: Nicht wenige Frauen im Pfarramt würden gern Vollzeit arbeiten, wenn die Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausreichen würden. Ein Teilzeitarbeitsverhältnis hat im Übrigen den Vorteil von einigermaßen geregelten Arbeitszeiten. Auf dem Rücken von Pfarrerinnen wird ausgetragen, dass auch in einem Pfarrhaus sich zunehmend zwei berufstätige Menschen befinden, die dennoch eine Familie haben, und dass die angebliche Vereinbarkeit von Pfarrberuf und Familie der Vergangenheit angehört. Das traditionelle Pfarrhausbild hat ohnehin nur funktioniert, wenn – in der Regel – die Frau dem Pfarrer familiär und haushaltstechnisch den Rücken freihält und nicht arbeitet. Da dies sich momentan ändert (auch aufgrund der finanziellen Einbußen im Pfarramt!) ist es kein reines Frauenproblem, sondern ein Problem von Familien, das im Übrigen weder von Kirche noch von Theologie reflektiert wird. Dass auch Grethlein noch dem traditionellen Pfarrerbild verhaftet ist, zeigt sogar das Titelbild seines Buches: Der Talar wäre ein wunderbares Symbol für einen Beruf, der von Männern wie Frauen gleichermaßen ausgeübt wird und in dem sie wirklich gleich sind, wenn nicht daneben ein eindeutig männlicher Anzug gehängt wäre. Das entspricht kaum noch der Realität, bedient aber ein veraltetes Pfarrerbild. An anderer Stelle fragt Grethlein aber explizit nach den Auswirkungen von Frauen im Pfarramt und dem sich daran anschließenden Wandel (133).
Im fünften Kapitel geht es zurück zu den Grundfragen: Wie definiert sich Theologie? Sie tut es nur in ihrem Zusammenhang mit Kirche (106). Daher muss die Ausbildung eines Pfarrers, einer Pfarrerin ins Zentrum der Theologie rücken. Die verschiedenen theologischen Disziplinen haben ihr Ziel in der „Förderung der Kommunikation des Evangeliums“ (108). Sie vermitteln „die Kompetenz eines differenzierten Umgangs mit komplexen kulturellen Phänomenen und Prozessen sowie mit unterschiedlichen Formen der Daseins- und Werteorientierung (…). Theologie vermittelt so die Kompetenz, mit Pluralität differenziert umzugehen“ (ebd.). Die gewachsenen Anforderungen im Pfarramt lassen eine Überbelastung des Pfarrers, der Pfarrerin zunehmen. Hier sieht Grethlein deutlichen Entlastungsbedarf, insbesondere bei Verwaltungsaufgaben (112). Und in der Tat haben diese mit der Kernaufgabe der Vermittlung des Evangeliums wohl kaum etwas zu tun. An dieser Stelle sind vor allem wohl die Kirchen gefragt, auch angesichts des Sparzwanges ihren Pfarrern und Pfarrerinnen verträgliche Arbeitsbedingungen zu bieten.
Konkret fordert Grethlein die Verankerung der angrenzenden wissenschaftlichen Disziplinen, die ohnehin schon länger in das Theologiestudium Eingang gefunden haben und vor allem die Einbeziehung der spirituellen Bildung, die angesichts der veränderten Pfarramtswirklichkeit, die sich durch „personale Kontakte und biographiebezogenen Kommunikation“ (115) auszeichnet, immer wichtiger wird. An den Universitäten bietet der Bologna-Prozess zumindest die Chance für eine erneute Bestimmung der Identität von evangelischer Theologie. Die Auseinandersetzung mit Form und Inhalt des Studiums evangelischer Theologie im Zuge des Umbaus auf Bachelor- und Masterstudiengänge kann durchaus fruchtbar gemacht werden im Hinblick auf Interdisziplinarität oder den Erwerb der Sprachkenntnisse, um die biblischen Schriften in den Ursprachen lesen zu können. Auch hier fordert Grethlein erneut die Einführung eines spirituellen Lernens.
Von kirchlicher Seite ist das Pfarrerbild weiterzuentwickeln. Grundlegend für den Beruf des Pfarrers, der Pfarrerin ist die „theologische Urteilsfähigkeit“ (126). Dies gilt in zweifacher Hinsicht: für die pfarramtliche Tätigkeit in der Institution Kirche wie auch als „persönliche Aneignung des Evangeliums“ (127) durch den Pfarrer, die Pfarrerin oder besser bereits im Studium. Die Kirchenreform sollte berücksichtigen, dass die Person des Pfarrers im Zentrum pfarramtlicher Tätigkeit steht und das ohnehin ungünstige Zahlenverhältnis Pfarrer/Pfarrerin – Gemeindemitglieder noch weiter verschlechtert werden muss. Auch sind Pfarrer, Pfarrerinnen hinsichtlich der Verwaltungsarbeit zu entlasten, damit ihnen auch noch Raum für geistliche, kollegiale und theologische Reflexion bleibt. Hingegen sind Teilzeitarbeitsverhältnisse in anderen Funktionsbereichen als dem Gemeindepfarramt vermutlich deutlich sinnvoller anzusiedeln.
Insgesamt, stellt Grethlein bedauernd fest, sind die Reformprozesse in Kirchen und in Universitäten, kaum vernetzt. Die Veränderungen werden im Übrigen weitgehend auf dem Rücken der Pfarrer ausgetragen als ständig wachsende Aufgaben, die ein theologisches Arbeiten erheblich einschränken. Hier ist ein umfassenderes Denken über die Grenzen von Universitäten und Kirchen erforderlich und eine Zusammenarbeit aller Beteiligten, um den eigentlichen Dienst der Pfarrer und Pfarrerinnen: die Kommunikation des Evangeliums zu ermöglichen.
Grethlein hat insgesamt ein wegweisendes Buch vorgelegt mit sinnvollen und umsetzbaren Lösungsvorschlägen. Nur: Es müsste sich auf allen Seiten, Kirchen, Universitäten und auch bei der Pfarrerschaft selbst viel, sehr viel bewegen, um seine Impulse aufzugreifen. Eigentlich … sollte uns das unser Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, auch wert sein. Mehr Mut zur Theologie also, auf allen Ebenen.