Wohin nach dem Tod: Friedhof oder Ruheforst?

8. August 2009 von Geeske Leave a reply »

Es ist ein sensibles und nicht angenehmes Thema, und doch will es bedacht werden: Im stillen Kämmerlein, besprochen zwischen Ehepartnern, in Familien oder testamentarisch festgelegt: wenn ich mal sterbe, wo möchte ich begraben werden? Diese wichtige Frage jedoch gibt noch nicht allein den Ausschlag. Weitere praktische Fragen wollen beantwortet werden: Möchte ich eine Trauerfeier in einer Kirche, sofern ich überhaupt Kirchenmitglied bin? Wer wird mich wohl beerdigen, der Pfarrer / die Pfarrerin, oder ein freier Redner, oder doch in aller Stille ohne weitere Personen? Und wer wird mein Grab pflegen und es besuchen (und an mich denken)? Wenn die Familie nicht am Ort lebt, fällt die Entscheidung leicht, dem Praktischen den Vorrang zu geben und den Ruheforst zu wählen, wo die Grabpflege entfällt.
Nein, keine angenehmen Entscheidungen. Und doch wichtig und nur ganz individuell zu verfügen. Bisher gab es zur Beisetzung auf dem Friedhof keine Alternative. Da galt es nur zu überlegen, ob es eine Erdbestattung oder eine Urnenbestattung sein soll. Seit einiger Zeit gibt es im Bereich meiner Gemeinde den Ruheforst. Er hat sich etabliert, die Kommune kann sich über reges Interesse freuen. Auch die Beerdigungs- und Trauerkultur sind einem Wandel unterworfen: momentan entstehen an vielen Orten Ruheforste oder Friedwälder. Manche mögen nun überlegen, wo sie ihre letzte Ruhe einmal finden mögen: auf dem Friedhof, wie es üblich war und ist, oder doch unter Bäumen in einem weitgehend naturbelassenen Areal, ohne Kirche neben dran?
Gelegentlich wird die Frage an mich als Pfarrerin herangetragen: Gehen Sie auch mit auf den Ruheforst? Kann man da auch eine Trauerfeier haben? Meine Antwort an die, die zur meiner Kirchengemeinde gehören, ist ganz klar: Ja, selbstverständlich. Eine Trauerfeier kann auch auf dem Ruheforst stattfinden und folgt demselben Ablauf wie eine Trauerfeier in der Kirche. Natürlich sind die Rahmenbedingungen ganz andere und bringen einige Einschränkungen mit sich, z.B. was die Musik oder Gesang angeht.
Zunehmend wird aber auch von Auswärtigen der Wunsch geäußert, dass ich ihre Angehörigen auf dem Ruheforst beerdige. Das ist in Ausnahmefällen auch möglich, sofern der eigene Pfarrer nicht mitgebracht werden kann. Grundsätzliche Voraussetzung ist aber, dass der oder die Verstorbene Mitglied der evangelischen Kirche war. Außerdem muss es in meinen Zeitplan passen, damit die Arbeit für meine Kirchengemeinde nicht darunter leidet. Dann gehe ich auch mit auf den Ruheforst, wenn der Verstorbene kein Mitglied unserer Kirchengemeinde war. Das muss aber die Ausnahme bleiben, denn mein Auftrag gilt den Menschen hier vor Ort und ihrem Wohl.
Nach inzwischen einer ganzen Reihe von Beisetzungen auf dem Ruheforst ist mein Eindruck, dass die dort Beerdigten bzw. ihre Angehörigen diese Entscheidung meist sehr bewusst und gut überlegt getroffen haben. Dabei spielt auch das Verhältnis zur Kirchengemeinde eine Rolle, besonders bei den Auswärtigen: eine christliche Grundhaltung und Ausrichtung ist mir fast immer begegnet, gelegentlich aber auch eine große Distanz zur eigenen Kirchengemeinde. „Gott finde ich auch im Wald unter Bäumen“, habe ich manches Mal gehört. Schon, denke ich, aber es geht nicht nur um das individuelle Verhältnis zu Gott, sondern auch um die Gemeinschaft der Kirchengemeinde. Sie kann ein Netz sein, das Menschen in schweren Zeiten auffängt und tröstet, eine Familie zusätzlich zur eigenen Familie. Die Vertrautheit mit einer Kirchengemeinde vor Ort und das Gefühl: „Das ist meine Kirche“ kann besonders in schwierigen Lebenssituationen Halt und Trost geben.
Noch etwas ist mir aufgefallen: Es hat auch eine Schattenseite, ein Grab nicht pflegen zu müssen. Der genaue Bestattungsort kann auf dem Ruheforst nicht durch Blumenschmuck oder einen Stein gekennzeichnet werden, er verändert sich mit seiner Umgebung. Für viele Trauernde ist es aber schwierig, ihrer Trauer nicht durch Schmuck eines Grabes Ausdruck verleihen zu können und so auch noch über den Tod hinaus ihre Verbundenheit mit dem Verstorbenen zu zeigen. Genau das ist auf dem Ruheforst nun aber nicht möglich.
Diese Überlegungen wollen nun weder zu einer Entscheidung für den Friedhof oder für den Ruheforst raten – beide haben ihre Vor- und Nachteile. Diese Entscheidung kann nur jeder und jede selbst treffen. Als Seelsorgerin stehe ich gern bei Fragen zur Verfügung. Traditionen und Bräuche wandeln sich. Die Art und Weise aber, wie wir mit unseren Verstorbenen umgehen, sagt viel über uns aus und über unsere eigene Hoffnung über den Tod hinaus. Und da hat der christliche Glaube immer noch die beste Botschaft der Welt: Jesus lebt! Sein Geist ist bei uns. Letztendlich siegt Gott, und nicht der Tod.

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