Besuche haben einen festen Platz im meinem Terminkalender. Sie sind darin verankert zu hohen runden Geburtstagen oder Hochzeitsjubiläen, seit neuestem auch zu 18. Geburtstagen, und natürlich nach Bedarf. Und es müssten noch viel mehr sein! Denn Besuche können weit mehr als eine Gratulation zu freudigen Anlässen oder eine seelsorgerliche Unterstützung in schwierigen Zeiten sein. Besuche sind auch eine Form der Verkündigung, und das ist schließlich der erste Auftrag einer Kirchengemeinde. Dadurch gewinnen sie eine hohe Bedeutung für den Gemeindeaufbau.
Denn was ist das größte aktuelle Problem von Kirchengemeinde? Es ist der Mitgliederschwund. Wir können uns wohl kaum damit zufrieden geben, dass die Mitgliederzahlen bestenfalls stagnieren. Schließlich haben wir das beste Angebot für die Menschen überhaupt, und trotzdem konkurrieren wir mit den Ablenkungen unserer Zeit, Werbung, Konsum und andere Nichtigkeiten. Es hilft nicht, über diesen Zustand zu jammern. Mit den gegenwärtigen Formen der Verkündigung erreichen wir nur die Kerngemeinde. Für viel mehr Menschen aber ist das Gemeindeleben uninteressant, und die Kirche hat eher die Funktion eines Krankenhauses: gut, wenn es da ist, und noch besser, wenn man es nicht braucht.
Wie gesagt: kein Zustand, mit dem eine Gemeinde zufrieden sein könnte. Um daran wieder etwas ändern zu können, ist vor allem eines wichtig: Neue Kontaktpunkte zu den Menschen zu finden, die der Kirche fern stehen. Sich erstmal kennen lernen und eine Beziehung zueinander aufbauen. Und das geht am besten über Besuche. Besuche sind direkt und persönlich. Sie demonstrieren ehrliches Interesse an den Menschen. Sie können negative Erfahrungen und bestehende Ressentiments aufarbeiten und aufbrechen. Ein Besuch gibt Menschen Gelegenheit, über ihren Glauben und ihre Erfahrungen mit Glauben zu reden und gemeinsam darüber nachzudenken. Ihre Fragen und Themen wahr zu nehmen gibt dem Besucher eine tolle Gelegenheit, die kirchlichen Angebote zu überprüfen, ob diese Fragen und Themen denn auch vorkommen im Gemeindeleben. Dann kann der Besuchte zu diesen Angeboten gezielt eingeladen werden.
Damit gewinnt der Besuch eine Perspektive über das persönliche Gespräch hinaus. Ziel ist ja, den Besuchten wieder für Glaube und Gemeinde zu begeistern und ihn in das Gemeindeleben zu integrieren. Wenn Glaube und Gemeinde wieder für den Besuchten relevant geworden sind, wird er beidem wieder einen Platz in seinem Leben einräumen. Dann waren die Besuche ein Gewinn für beide Seiten, denn die Gemeinde gewinnt einen Menschen neu hinzu, und seine Interessen und Themen bereichern das Gemeindeleben.