Nach den Feiertagen kann ich eigentlich keine Schokolade mehr sehen. Einzige Ausnahme ist „Chocolat“, der Film von Lasse Halström. Besonders nett finde ich die Szene, in der Père Henri in seiner Osterpredigt feststellt, dass es nicht darauf ankomme, wen wir als Gemeinde ausschließen, sondern wen wir bei uns aufnehmen. Seiner Meinung nach sollten wir Jesus vor allem in seiner Menschlichkeit folgen, in seiner Güte und Toleranz. Und Güte zeigt sich eben nicht in der Strenge, sondern in der Offenheit, vor allem der Offenheit gegenüber anderen Menschen.
So wünschen wir uns das auch für unsere Kirchengemeinde: offen gegenüber anderen, nicht abgrenzend, sondern integrierend. Dazu zählt, dass Gemeinde angesichts sinkender Mitgliederzahl viel offener für sich und ihre Botschaft wirbt, denn schließlich hat sie mit dem Evangelium von Jesus Christus die beste Botschaft der Welt zu verkündigen und zu leben. Und das bedeutet auch, sich um andere zu bemühen und auf sie zuzugehen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit für Gemeinden seit der ersten Christenheit. Die ist keine Aufgabe des Pfarrers oder der Pfarrerin allein, sondern Aufgabe der gesamten Gemeinde.
Wenn, wie es im Moment der Fall ist, die Gemeinden schrumpfen, dann ist das nicht nur ein finanzielles Problem. Denn die Vielfalt in einer Gemeinde nimmt ab, wenn immer weniger Menschen sich am Gemeindeleben beteiligen, an Gruppen, Diensten und Angeboten. Dann kommt das Gemeindeleben langsam zum Erliegen, und der wichtigste Auftrag der Gemeinden, die Verkündigung des Evangeliums, kann nicht mehr ausgeübt werden, weil niemand mehr von Kirche erreicht wird. Doch wenn wir unsere Traditionen lebendig halten wollen, wenn wir unsere Identität als christliche Gemeinden behalten wollen, dann sind wir existentiell darauf angewiesen, dass viele sich beteiligen. Wir brauchen viele unterschiedliche Menschen in den Gemeinden mit ihren vielen unterschiedlichen Gaben. Schon Paulus beschreibt im 1. Korintherbrief, Kapitel 12, die Gemeinde als einen Leib mit vielen Glieder, die jedes einen ganz spezielle Funktion erfüllen. In der Unterschiedlichkeit offenbart sich der Geist Gottes auf verschiedene Weisen, und Gott verbindet alle Glieder zu einem Leib, zum Leib Christi. Wer also sind wir heute, dass wir Menschen ausschließen, die mit ihren Gaben zum Leib Christi gehören? Viele gehören dazu, und wenn wir nicht unnötige Hürden aufbauen, sondern andere Menschen willkommen heißen, dann fühlen sie sich auch zum mitleben und mitarbeiten eingeladen.
Das viel zitierte evangelische Profil wird dadurch nicht verwässert. Im Gegenteil: Gemeinden kommen wieder zu sich selbst, wenn sie sich verstärkt überlegen, wie sie am besten wieder auf Menschen zugehen können und ihnen ein konkretes Angebot machen. „Seid brennend im Geist“, auch ein Pauluswort (Röm 12,11), zeigt sich vor allem darin, dass Menschen neu für die Gemeinde gewonnen und begeistert werden. So werden Traditionen fortgeführt.
Wir haben doch das beste Angebot von allen: Jesus Christus selbst. Sein Geist ist lebendig in uns allen. Das ist ein Angebot, zu dem eigentlich niemand „Nein“ sagen kann – fast wie zu Schokolade.