Zwischenstand: … und nicht zurück auf Null

3. Februar 2010 von Geeske Leave a reply »

Im Januar fand nach dem Ende meiner Hilfspfarrzeit mein feierlicher Einführungsgottesdienst in der Kirchengemeinde statt, in der ich nun seit knapp drei Jahren Dienst tue. So viel Freundlichkeit, ehrliche Anteilnahme und Wertschätzung spürte ich an dem Tag, wie sie einem Pfarrer wohl nur selten gebündelt gesagt wird. Meine Predigt im Gottesdienst lesen Sie hier:  Liebe Gemeinde, einige von euch mögen sich gewundert haben, jetzt zu meinen Einführungsgottesdienst eingeladen zu werden. “Ja, was waren Sie denn vorher?” und ähnliche Fragen habe ich mehrfach gehört. “Sie sind doch schon Pfarrerin!” Ja, bin ich auch, seit meiner Ordination. Meine Lehrzeit war vorher das Vikariat, und ich bin schon seit fast drei Jahren hier eure Pfarrerin. Heute die Einführung zu feiern, hat formale Gründe, vergleichbar einer Beförderung. Aber natürlich: an einem solchen Tag schaue ich auch zurück auf das, was gewesen ist, und wie ich hierher gekommen bin und was meine Arbeit prägt.

Aus dem Vikariat hierher hat mich ein Satz begleitet, und er hat nie besser gepaßt als gerade heute. Ein Satz, den mir eine Freundin, selbst Pfarrerin, zu Beginn meines Vikariats sagte in Bezug auf meine Aufgabe als Liturgin im Gottesdienst. Sie sagte: Es geht nicht um dich. Auch heute bin ich in diesen Gottesdienst mit diesem Gedanken gegangen. Es geht nicht um mich. Es geht um Gott und es geht um uns alle hier als Gemeinde. Das ist das Wichtige im Gottesdienst: Dass wir ihn miteinander feiern.

Ich bin nicht die, die euch zum Glauben bringt. Ich bin die, die Formen dafür findet und gestaltet, dass wir gemeinsam unseren Glauben leben können, und die gelegentlich daran erinnert, was wir an Grundsätzen über den Glauben und das Leben und uns selbst haben und leben sollten, wenn wir uns Christen nennen.

Deshalb predige ich: um mit euch zusammen das Wort Gottes zu hören und darüber nachzudenken, was es für unser Leben bedeutet. Auch, darüber nachzudenken, wie wir als Gemeinde miteinander leben und umgehen. Wir sind eine lebendige Gemeinschaft und Gott hat seinen Geist dazu gegeben, was wir hier in seinem Namen tun und in seinem Namen feiern.

Wie das konkret aussehen kann, das Leben miteinander als Gemeinde, dazu entwirft Paulus uns eine große Vision. Ich lese den Predigttext aus Römer 12: Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer kommen dem anderen mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tut. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist´s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

In vielen kleinen Schritten gibt Paulus uns hier ein Vorbild, wie Gemeinde aussehen und wie es in ihr zugehen soll. Nicht nur vor knapp zweitausend Jahren bei den ersten Christen, sondern auch hier und heute. Paulus fragt gar nicht, wie Gemeinde entsteht. Dafür ist Gott verantwortlich. Gott will die Gemeinschaft der Menschen, die an ihn glauben. Deshalb schenkt Gott seiner Gemeinde den Geist. Wie die Gemeinde nun in diesem Geist lebt, das beschäftigt Paulus sehr wohl: der heilige Geist brennt wie ein Licht in jedem Einzelnen. Dieser Geist ruft uns zu uns selbst und in die Nachfolge Jesu Christi. Er brennt in uns, er schenkt uns die Freude und die Leidenschaft, die nötig sind, um den Glauben auch zu leben. Und er schließt uns als eine Gemeinde zusammen und gibt uns die Richtung vor, in die wir als Gemeinde gehen sollen: zu Gott hin auf dem Weg der Nachfolge Jesu Christi.

Paulus beantwortet nun all die Fragen, die sich anschließen: Wie kommen wir als Gemeinde zusammen dahin? Wie sollen wir als Christen leben? In knappen Sätzen gibt Paulus uns Ratschläge, wie Gemeinde funktioniert. Das erste und wichtigste in unserem Abschnitt: Die Liebe sei ohne Falsch. Nächstenliebe ist uns Christen als allererstes aufgegeben, es ist die Grundbedingung für ein gutes Miteinander, und sie ist doch gar nicht so einfach zu leben. Heuchelei und Lüge kann sie vergiften und zerstören. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit hat unter Menschen, die sich Christen nennen, nichts zu suchen. Sondern Ehrlichkeit gehört dahin, und Klarheit. Und dann ergeben sich viele Dinge, von denen Paulus hier spricht, beinahe von selbst: Sich der Nöte anderer anzunehmen. Nicht träge zu sein in dem, was man tut. Gastfreundlich zu sein. Segnen und nicht fluchen. Nach dem Guten streben. Frieden miteinander halten. Unsere Beziehung zu Gott drückt sich darin aus, wie wir unsere Beziehungen untereinander gestalten. Darin dienen wir Gott – indem wir unseren Nächsten lieben, und zwar ohne Falsch.

Was Paulus uns vorschlägt, kann uns auch gelingen – vor allem dann, wenn wir uns weniger mit uns selbst beschäftigen und mehr mit dem, was uns als Gemeinde geschenkt und aufgetragen ist und wo wir gemeinsam hinwollen. Gemeinsam gelingt uns ohnehin viel besser, das Licht zu entdecken und sich davon leiten zu lassen. Das ist der große Vorteil und die große Stärke von Gemeinde, in der einer den anderen trägt und die gemeinsam ein Ziel haben. Es ist der Geist Gottes, der in uns wie ein Licht brennt, und der uns den Weg weist zu Gott hin.

“Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorgehen, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefässen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.” Damit bringt Paulus es auf den Punkt. Zum Licht kommen wir am besten gemeinsam. Machen wir uns auf den Weg – zusammen. Mit unseren unterschiedlichen Gaben und Aufgaben. Es geht hier nicht um eine einzelne – es geht um uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn und Bruder. Amen.

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