Das Ringen um die christliche Identität in den ersten Gemeinden

27. Oktober 2011 von Geeske Leave a reply »

Eigentlich waren die Voraussetzungen nicht gerade günstig: in einem eher unbedeutenden Teil des Römischen Reiches tritt ein junger Wanderprediger auf, predigt von der Buße und der Erneuerung des Glaubens, sammelt einige Anhänger um sich und wird nach kurzer Wirkenszeit schmählich zu Tode gebracht. Hätte die Jesusgeschichte hier geendet, sie wäre kaum eine Fußnote in der Geschichtsschreibung. Doch seine Anhänger, die ihn erlebt haben, wurden auf so unglaubliche Art und Weise von seiner Person, seinem Handeln und seinen Worten berührt, dass sie in Jesus Gott selbst am Werk sahen. Das motivierte sie, Jesu Worte und Taten weiter zu erzählen, sogar aufzuschreiben und sie der Nachwelt zu überliefern. In rasant kurzer Zeit verbreitete sich die neue Bewegung in großen Teilen des Römischen Reichs und wurde von einer innerjüdischen Reformbewegung zu einer Weltreligion – und das ist das Christentum bis heute. Doch die Entwicklung dahin lief nicht reibungslos ab und war von Anfang an mit einem Ringen um die Wahrheit und den rechten Glauben verbunden, und oft genug mit massiven Konflikten, schmerzhaften Trennungen und Verfolgungen.
Doch zurück zum Ausgangspunkt, zu Jesus selbst. Als er stirbt, verbreiten seine Jünger und Jüngerinnen schon kurz später die Nachricht von seiner Auferstehung: das ist eine große Hoffnung für alle, die er beeindruckt hat. Sie sehen nun darin ein Signal, Jesus` Botschaft von der rettenden Liebe Gottes weiter zu tragen. Sie erzählen von Jesus als dem Sohn Gottes und der Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen vom Messias in ihm. Sie alle sind Juden, leben nach den Bedingungen des jüdischen Glaubens und kennen das Alte Testament als die Geschichte Gottes mit seinem Volk, das er erwählt hat. Nun, so meinen sie, wird die Geschichte Gottes weiter geschrieben mit dem Volk, das an Jesus als den Christus glaubt. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, weiterhin jüdische Regelungen und Verbindlichkeiten zu beachten, wie beispielsweise die Beschneidung als den Eintritt in das Gottesvolk oder die Beachtung der Speisegebote. Diese Regelungen trennen die Juden von anderen Gruppen und Religionen und demonstrieren ihre Sonderstellung. Die Beachtung der Regelungen stärkt die jüdische Gemeinschaft, indem sie sich von den Nichtjuden abgrenzen.
Nun aber durch das Auftreten von Jesus und dem Glauben seiner Jünger an ihn als den verheißenen Messias kommt ein neuer Aspekt ins Judentum, der die christusgläubigen Juden von ihrer jüdischen Umwelt trennt: lange nicht jeder Jude nimmt Jesus als seinen Herrn und Messias an. Eine neue Trennlinie entwickelt sich entlang der Frage: ist Jesus der verheißene Messias und Gottessohn, oder ist er es nicht. Die verschiedenen Gruppen innerhalb des Judentums beginnen, sich auseinander zu entwickeln: das Christentum wächst aus dem Judentum heraus.
Hinzu kommt das Phänomen, dass immer mehr der im Neuen Testament so genannten Heidenchristen, also Menschen mit nichtjüdischem Hintergrund, Christen werden. Das frühe, jüdisch geprägte Christentum diskutiert nun heftig die Frage, ob nichtjüdische Christen auch die jüdischen Verhaltensregeln, wie z.B. Beschneidung und Speisegebote, einhalten müssen, wenn sie Christen werden wollen. Diese Debatte wird im Neuen Testament in der Apostelgeschichte und den paulinischen Briefen besonders deutlich. Die Apostelgeschichte überliefert uns, dass eine judenchristliche Gruppe die Beschneidung auch für die Christen forderte (Apg 15,1.5). Das Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15) zeigt uns, wie groß die Konflikte um diese Fragen waren. Die Apostel und Missionare einigen sich, angesichts der Missionserfolge gerade unter den Heiden, auf einen Minimalkonsens an Speisevorschriften für Christen (Apg 15,22-29). Dies soll die Missionsrichtlinie für die neuen christlichen Gemeinden sein. Doch stimmt die Antwort der Apostelgeschichte nicht wirklich mit der Strategie des Paulus überein. Paulus schreibt sehr eindeutig: Nein, Christen mit nichtjüdischen Wurzeln müssen nicht erst Juden werden, um Christen sein zu können. Elementares Kennzeichen eines Christen ist der Glaube an Jesus Christus, sein Heilshandeln am Kreuz und seine Auferstehung. In ihm erfüllen sich die Verheißungen des Alten Testaments für den Anbruch der Heilszeit. Wer an ihn glaubt und sich auf ihn beruft, gehört zur Gruppe des Gottesvolks dazu. Eine Beschneidung oder die Einhaltung der jüdischen Speisegebote ist dazu nicht notwendig. Besonders im Galaterbrief bekämpft Paulus mit harten Worten die Übernahme der Beschneidung für christliche Gemeinden. Paulus mit seinem strenggläubigen jüdischen Hintergrund ist sich wohl bewusst, dass für Judenchristen weiterhin die Beachtung der jüdischen Regelungen wichtig bleibt. Aber er will sie den nichtjüdischen Christen nicht vorschreiben. Und so fordert er die Abschaffung der abgrenzender jüdischer Regelungen, um die Einheit des Gottesvolkes aus Judenchristen und Heidenchristen zu ermöglichen (Röm 3,20.28; Gal. 2,16; 3,2.5.10), und widerspricht damit dem Aposteldekret, wie es in Apg 15 dokumentiert ist (Gal 2,6). Darin liegt der Kern der paulinischen Rechtfertigungslehre: in Christus werden alle gerechtfertigt, ohne die Vorbedingung, Jude sein zu müssen. In Christus sind nun alle ein Gottesvolk, und die einzige Bedingung der Zugehörigkeit zum Gottesvolk ist die Taufe (Gal. 5,6; 6,15; 1 Kor 12,13). Die wichtigste Lebensregel ist nun das Liebesgebot (Röm 13.8-10; Gal. 5,13f.), welches ja auch der eigentliche Mittelpunkt des jüdischen Gesetzes ist.
Damit öffnet Paulus das Christentum für nichtjüdische Christen, die zusammen mit den jüdischen Christen eine Kirche von gleichberechtigten Gläubigen bildet. Nichtjüdische Christen werden in das Gottesvolk hinein genommen. Diese Öffnung trägt zum Missionserfolg der christlichen Missionare wesentlich bei. Schon sehr bald verschiebt sich das Gewicht innerhalb der christlichen Gemeinden zugunsten der nichtjüdischen Christen. Im Epheserbrief wird die Einheit und Universalität der Kirche aus Judenchristen und Heidenchristen betont, die in Christus vorgebildet ist (Eph 2,14f.). Es gibt keine Diskussion mehr um die Gleichwertigkeit von Heidenchristen gegenüber Judenchristen, das ist inzwischen selbstverständlich geworden. Vielmehr muß dagegen das jüdische Erbe betont werden, damit es nicht in Vergessenheit gerät! Es zeichnet sich bereits die Entwicklung ab, dass die Heidenchristen bald die Mehrheit in den christlichen Gemeinden bilden. Die Berührungspunkte mit der jüdischen Mutterreligion beginnen zu schwinden, und das Christentum löst sich endgültig aus dem Judentum heraus. Die Debatten um das richtige christliche Verhalten werden nicht mehr im Dialog mit jüdischen Regelungen und Maximen geführt, sondern mit den Vorstellungen der hellenistischen Umwelt. Die Pastoralbriefe argumentieren bereits mit den klassischen Tugenden wie der Besonnenheit (1 Tim 2,9.15; 3,2; 2 Tim 1,17; Tit 1,8; 2,2.4-6.12) oder der Frömmigkeit (1 Tim 2,2; 4,7f.; 6,3.5f.11; 2 Tim 3,5).
Für uns heute sind die Entwicklungslinien, die das frühe Christentum auszeichnet (besonders in seinen Auseinandersetzungen, die das Neue Testament nicht verschweigt), bleibend spannend. Es zeigt sich darin zum einen, dass das grundlegende Kriterium für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Christen immer schon der Glaube an Jesus Christus war, und zum anderen, dass dieser Glaube seinen Ausdruck in der Taufe findet. Diese ist die Grundlage für die Gemeinschaft der Christen, die sich durch bestimmte Verhaltensregeln auszeichnet. Welche das genau sind, war stets umstritten. Zum Kern christlicher Ethik hat sich das Liebesgebot entwickelt. Wegweisend für den frühchristlichen Prozess war Paulus, dessen Anliegen es war, die Grenzen nieder zu reißen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen und positiv die Einheit in Christus zu leben. Mit seiner Haltung und seinem Durchsetzungsvermögen hat er letztendlich auch uns ermöglicht, unseren christlichen Glauben so zu leben, wie wir es tun.

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One Response

  1. Wenn mein Sohn irgendwann gefragt wird, ob und wieso er einer Konfession angehört, möchte ich einfach nur, dass er aus Überzeugung und selbstbewusst darauf antworten kann, ganz gleich wie auch immer er seine Entscheidung getroffen hat!

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